Der Mönch

Zusammenarbeit von Deutsch und Zeichnen im Gymer

Der Mönch öffnet nach einer schrecklichen Nacht auf harten, rauhen Planken die Augen. Trübes Licht, das durch Ritzen im Holz fällt, bildet bizarre Formen im aufgewirbelten Staub. Nachdem er das morgendliche Aussetzten der Erinnerung überwunden hat, setzt er sich aufrecht hin und beginnt sein Morgengebet.

Während er es mechanisch spricht, erinnert er sich des Tages, an welchem er sein Leben in diesem alten, aber robusten und für seine Ansprüche geräumigen Fass angefangen hat. Er hatte das Leben im Kloster und den durch erstarrte Riten ausgefüllten Alltag satt und wollte seine noch undeutlichen Visionen durch konzentriertestes Nachdenken kristallisieren lassen. So gab er den Brüdern den Auftrag, ihn in diesem Fass zu versiegeln und nur sporadisch zur Erledigung der lebensnotwendigsten Dinge herauszulassen. Sie geloben, seinen Wunsch eisern zu befolgen.

Diese Entscheidung hatte er in den nachfolgenden Monaten oft bereut, als seine verzweifelten Schreie selbst in den tiefsten Gewölben der Abtei vergessene Lebensformen in den Wahnsinn trieben. Mit den Jahren gewöhnte er sich jedoch an die Isolation, seine Gedankengebäude gewannen an Klarheit und er entfernte sich von den zur Epoche seines Einstieges relevanten Vorstellungen. Bei keinem der kurzen, stets von einem Dutzend kräftiger und rigoroser Mönche bewachten Ausflüge in die Aussenwelt hatte jemals ein Wort seine Lippen verlassen. Auch dies durchzusetzen hatte er seinen Wächtern aufgetragen. Sein Schweigen rettete dem "irren Mönchen", wie ihn ein Schild auf dem Fass für durchreisende Klosterbesucher beschreibt, das Leben. Denn hätte die Bewohner des Klosters von den Erkenntnissen seines dekadenlangen Sinnierens erfahren, dann hätte er selbst die dunkelsten und furchtbarsten Auswüchse der Inquisition als zu Gnädig befunden.

Die phantastischen Formen von Licht, Schatten und Staub, welche er beim Aufwachen erblickt hat, erinnern ihn an die Realität, wie er sie sich jetzt vorstellt. Im düstren Licht, das seine geschlossenen Augenlider nicht zu durchdringen vermag, baut er sich in seinem Geiste weit entfernte Welten auf.

Zeitgefühl hat der Mönch schon lange keines mehr. Das Geräusch der vorbeiziehenden äonen erscheint ihm als Summen, zu welchem die Myriaden von Gongschlägen bei Jahreswechsel verschmelzen. Als es zu einem schrillen Pfeifen wird, schreckt er auf und realisiert, dass seine überlegungen zu einem Ende gelangt sind. Er spürt, dass er das Fass jetzt verlassen muss.

Die Fassplanken leisten seinem Aufbruch keinen Widerstand und zerfallen Staub, welcher von einem kalten, intensiven Wind fortgetragen wird. Der Mönch atmet tief durch und ruft Worte der Begrüssung in die vom Winde höhlenartig auserodierten Hallen des Klosters. Doch nicht als sein Echo antwortet ihm, und er stellt fest, dass in diesem Gemäuer alles Leben erloschen ist.

Nach langem Wandern durch öde, von vielen Ruinen durchzogene Landschaften erblickt er eine Stadt. Eigentlich sollte ihn dieser Anblick in Erstaunen versetzten, denn er hat mit seinen Augen nie Vergleichbares gesehen. Doch obwohl das Wort "Mönch" im Wortschatz des Stadtbewohner schon nicht mehr vorhanden ist, findet er die Stadt sogar fast altertümlich, verglichen mit den Dingen, die er vor seinem inneren Auge während der Zeit im Fass gesehen hatte.

Die Menschen in der Stadt waren verwirrt und angewidert als sie den Mönch erblickten, der kaum noch als Mensch dieser Zeit erkennbar war. Dennoch lauschten sie seinen Vorstellungen und waren davon noch mehr fasziniert als von seinem vorgeschichtlichen Aussehen. Bald zog die Schar seiner Anhänger hinter ihm her von Stadt zu Stadt.

Beobachter auf fernen Welten sahen sie als schwarze Flut, die die Erde überströmte.

COMIC ENDE: Der Mönch kommt aus dem Kloster. Er stolpert über einen Stein. Beim Sturz ersticht ihn das Kreuz, welches er immer um den Hals trägt.