Geschichte der Bildungspolitik

Die Geschichte der schweizerischen Bildungspolitik

Inhalt:

  1.  Nach der Revolution
  2.  Der legendäre Pestalozzi
  3.  Probleme
  4.  Das Versagen der Bildungspolitik (Diskussionsthema)

Erstes Kaptitel: Nach der Revolution

Aus einer Botschaft, welche das helvetischen Direktoriums 1798 verfassen liess, entnehme ich, dass nach der Gründung der Helvetischen Republik durch Napoleon die neue Regierung Probleme hat, genügend ausgebildete Bürger zu finden, die sich zu Beamten oder Politikern eignen. Das Volk ist einfach unwissend, und die vorrevolutionäre Verwaltung, die ausgebildet wäre, kann man nicht einfach wieder zurück ins Amt holen, da dies nach Auffassung der Revolutionäre ein Rückschritt wäre.

Also beschliessen die republikanischen Politiker, ein Schulsystem aufzubauen, das jedem Einwohner genügend Bildung vermitteln soll, um den Sinn und die Funktionsweise des Staates zu erkennen. Ausserdem soll es ihn dazu befähigen, in der Politik aktiv mitzuwirken, damit der Mangel  an Personal in der Verwaltung beseitigt werden kann.

Schon damals wird die Grundstruktur unseres heutigen Bildungsystemes mit seinen abgestuften Ansprüchen und den verschieden hohen daraus resultierenden Berufschancen. Es wird nämlich festgelegt, dass jede Gemeinde nur eine Schule haben kann, die ihren Möglichkeiten entspricht. Das heisst, in einem kleinen Dorf gibt es nur eine Grundschule, während es in den Städten Realschulen und Gymnasien gibt. Begabte Schüler aus kleinen Dörfern müssen, wie heute immer noch, gemäss diesem Plan zum Erreichen ihrer höheren Ausbildung eine Schule in einem nahegelegenen Ballungszentrum besuchen.

Es wird auch gefordert, dass der Unterricht für alle kostenlos sei. Damit wären alle Bürger der Republik nicht nur vor dem Gesetz gleich, sondern hätten auch mit ihrem Bildungsstand die gleichen Chancen wie die Wohlhabenden, also die vorrevolutionären Aristokraten, welche sich sowieso eine Bildung leisten können.

Dass Bildung im wahrsten Sinne des Wortes notwendig ist, sieht man auch auch an dem Gesetz, das allen, die keine Schuldbildung haben, die Möglichkeit zum Abstimmen und zum Ausüben eines öffentlichen Amtes verbietet.

Nach der selbstbewusten, schon fast arroganten Art des neuen Staates will man sich nicht mehr nur auf die Privatindustrie verlassen, um Akademiker und Handwerker auszubilden. Dies ist eine sehr weise Entscheidung, denn oft sind auch Fähigkeiten und Sachgebiete wichtig, welche die Privatindustrie aus ökonomischen Gründen nicht mehr an die nächste Generation weitergeben würde, da es sich einfach im Moment gerade nicht rentiert.

Eine Entscheidung der Bildungspolitik um die neunzehnte Jahrhundertwende aber zeigt keine Auswirkungen auf die Gegenwart: Es war nämlich nur eine einzige Universität in der ganzen Schweiz geplant. In dieser ‚Centralanstalt' würden die besten Schüler aller schweizerischen Gymnasien ausgebildet. Da Schüler aus allen Teilen der Schweiz am selben Ort studieren würden, könnten sich alle kennenlernen, und die Gegensätze der unterschiedlichen Sprachregionen, wie zum Beispiel der Röstigraben, würden aufgehoben. Auch wäre diese Anstalt von unvergleichlicher Qualität, da alle fähigen Professoren und Gelder in einem Ort vereinigt wären.

Dass diese Idee eigentlich keine unrealisierbare Utopie wäre, sieht man am Vergleich mit Frankreich, das erfolgreich einen extremen Zentralismus über einen viel grösseren geographischen Raum praktiziert.

Schon während der Zeit des Direktoriums wird hier erkannt, dass die Einteilung des Landes in Kantone veraltet ist und nur einen grösseren verwaltungsmässigen und finanziellen Aufwand verursacht.

Ein Nachteil einer Universität in dieser Form wäre andererseits die Notwendigkeit einer relativ strengen Zulassungsbeschränkung gewesen, da offensichtlich nicht alle Schüler der schweizer Gymnasien an einer einzigen Universität Platz hätten. Man muss aber auch sehen, dass es in vielen Fachgebieten zu viele Universitätsabgänger gibt, dass also viele Akademiker arbeitslos bleiben, da für sie gar keine Stelle existiert.

Das Problem der Zulassungsbeschränkungen hätte man mit einer Universität in einer viel grösseren Dimension als die heute existierenden lösen können, die man in einer extra dafür geschaffenen Stadt bespielsweise im geographischen Mittelpunkt der Schweiz hätte platzieren können. Man würde dort nur den Studenten und den notwendigsten Dienstleistungen eine Niederlassungsbewilligung erlauben, um so dem Generationskonflikt entgegenzuwirken und eine einmalige Atmosphäre zu kreieren, welche sicher unzählige Touristen anziehen würde. Letztere würden in den universitätseigenen Hotels logieren und damit zur Finanzierung der Bildung beitragen.

Jedenfalls führte die geschichtliche Entwicklung vermutlich aufgrund der tiefverwurzelten Identifikation der Einwohner mit ihrem Kanton zu unserer heutigen beachtlichen Unversitätsvielfalt. Die ersten (abgesehen von Basel) schweizerischen Universitäten wurden 1833 in Zürich und 1834 in Bern gegründet.

Auch schon damals wurde festgelegt, das die Kinder in der Schule nicht nur Rechnen und Schreiben lernen sollten, sondern auch moralisch und kulturell geschult werden sollten. Dieser Anspruch hat sich über die Jahrhunderte unverändert gehalten, so dass wir uns auch heute noch in Zeichnen, Musik und Religion vom Leistungsstress erholen können und dabei unsere Persönlichkeit veredelt wird.

Zweites Kapitel: Der legendäre Pestalozzi

Pestalozzi wurde in Zürich geboren. Dort studierte er ab 1764 zunächst Theologie, dann Rechtswissenschaften. Angeregt durch Hans Caspar Hirzel, gründete er 1769 im Kanton Aargau mit seiner Frau das landwirtschaftliche Versuchsgut Neuhof, das jedoch schon bald scheiterte. Beeinflusst von den Gedanken des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau gestaltete er das Gut 1775 in eine Armenschule um. Fünf Jahre später musste auch diese aus Geldmangel schließen, und Pestalozzi widmete sich ausschließlich der schriftlichen Niederlegung seiner Erziehungstheorien. Pestalozzi sympathisierte mit der Französischen Revolution und engagierte sich politisch und publizistisch für eine Liberalisierung in der Schweiz.

1798 übernahm er im staatlichen Auftrag ein Waisenhaus in Stans, 1799 dann eine Versuchsschule in Burgdorf, die er 1804 wegen einer Heimschule in Yverdon aufgab. Diese Schule diente ihm über 20 Jahre zur Erprobung seiner pädagogischen Theorien. Konflikte mit den Mitarbeitern führten 1825 zur Auflösung der Schule, danach kehrte Pestalozzi nach Neuhof zurück.

Pestalozzi legte großen Wert auf die Entfaltung der in jedem Menschen angelegten positiven Kräfte, als deren Grundlage er auch die Familie ansah. Für ihn gründete Erziehung nicht auf Wissensanhäufung, sondern auf der Entwicklung von menschlichen Fähigkeiten aus der direkten Anschauung und im praktischen Umgang. Darüber hinaus forderte er Bildung unabhängig von Standesunterschieden. Mit der Zeit gewannen seine Ideen Einfluss auf die Methoden der Elementarerziehung in ganz Europa und Nordamerika. Insbesondere in der Lehrerausbildung wirkten sie schulbildend. Er hatte schon zu Lebzeiten zahlreiche Anhänger, die so genannten Pestalozzianer. Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden in verschiedenen Ländern die auf den Schweizer Walter Corti zurückgehenden Pestalozzidörfer für Waisen- und Flüchtlingskinder.

Der Schriftsteller, Politiker und Waisenvater von europaweiter Berühmtheit setzte sich sehr dafür ein, dass die jungen Schweizer nach humanistischer Art ganzeheitlich erzogen wird. Er glaubt, dass eine Schule folgende drei Punkte erfüllen muss:

Diese drei Punkte konzentrieren sich jetzt vor allem auf biblische Ideale, aber Pestalozzi beschränkte sich nicht auf Religionsunterricht, denn er wollte zwar nicht einen einseitigen Kopfmenschen, aber ebensowenig wollte er die Jugend nur emmotional ausbilden.

Er hat erkannt, dass jeder Mensch von Geburt an entweder mehr rational oder mehr emotional denkt und wollte ihn durch seine Erziehung zu einem ausgeglichenen, in beiden Kategorien denkenden Menschen machen.

Ich glaube, dass er hier etwas zu Idealistisch ist, denn viele Menschen lassen sich durch die Schule nicht grundsätzlich ändern. Wichtig ist für mich das Vermitten von Wissen. Wie es am besten angewendet wird, muss jeder selber entscheiden können.

Drittes Kapitel: Probleme

Voller Enthusiasmus machten sich die Politiker daran, die Schule für jeden Bürger der Schweiz aufzubauen, aber dies durchzusetzen erweist sich in der Wirklichkeit als nicht so einfach. Es wird angeordnet, dass selbst jedes kleinste Dorf eine Winterschule einrichten soll. Dieser Beschluss bleibt aber vorerst noch eine Utopie, denn in vielen Orten reicht das Geld nicht für einen Lehrer und die Leute sind nicht überall für die Idee der allgemeinen Schulpflicht zu motivieren, da für die Kinder noch andere Beschäftigungen vorgesehen sind. Aber auch unter den Politikern herrsche keine Einigkeit über die Form des Unterrichts. Grégoire Girard setzte sich für eine Gesammtschule ein, in der alle Alterstufen gemeinsam unterrichtet werden. Die jüngeren Kinder sollen von der Erfahrung und dem Wissen der Älteren profitieren können und letztere ihrerseits die Rolle des Erziehers erlernen. Dieses Modell war aber nicht allen recht. Im Jahre 1823 wurden seine Reformen verboten und damit das Steuer der Bildungspolitik herumgerissen, da Girard wie viele Bildungspolitiker nach ihm zu extrem mit seinen Ideen war.

Problematisch ist auch die Tatsache, dass der Lehrerlohn nicht genügend hoch ist, dass der Lehrer davon leben könnte. Deshalb muss er nebenbei noch einen Beruf ausüben und kann sich nicht voll auf seine pädagogische Arbeit konzentrieren. Die meisten Lehrer waren Hauptberuflich Bauern, viele aber auch Handwerker und erstaunlicherweise unterrichteten auch eine relativ grosse Anzahl von professionellen Söldnern. Anbetracht dessen kann man ihnen leicht verzeihen, dass durch die mangelnde Zeit zur Vorbereitung oft die Qualität des Unterrichtes ziemlich tief war.

Leider sind  um die Mitte der achzehnten Jahrhunderts nicht genügend Schullokale vorhanden, um die grosse Anzahl Schüler zu fassen. Oft drängen sich Hunderte in einem Zimmer.

Da der Unterricht nur im Winter stattfindet, vergessen die Kinder im Sommer erst noch einen grossen Teil dessen, was sie gelernt haben. Daher gibt es immer noch eine sehr hohe Analphabetenquote. Da die Kinder teilweise in Fabriken arbeiten müssen, können sie auch oft nicht zur Schule kommen und bleiben so ungebildet. Durch die Armut ihrer Eltern sind sie oft darauf angewiesen, arbeiten zu gehen.

Die Schulfacher sind prinzipiell während der letzten 150 Jahre gleich geblieben, die Änderungen ergaben sich aus den enormen Fortschitten in den Naturwissenschaften.

Viertes Kapitel: Das Versagen der Bildungspolitik

Thomas Multerer, Rektor des Gymnasiums Langenthal, das Schüler aus dem ganzen Oberaargau hat, ist unzufrieden mit der schweizerischen Bildungspolitik. An der Maturafeier zog er gegen Bildungspolitiker los, die durch den Numerus Clausus Matura und Gymnasien entwerten.  

Überall im Lande finden zur Zeit die Maturaprüfungen und -feiern statt. Doch etwas ist anders. Zum erstenmal seit mehr als 500 Jahren, seit es in der Schweiz Universitäten gibt, ist der Zugang nicht alleine von der Reifeprüfung, der Matura eben, abhängig. Zum erstenmal wird für den Zugang zur Uni für den Fachbereich Medizin eine Zusatzprüfung verlangt. Für Thomas Multerer, Rektor des Langenthaler Gymnasiums, ein krasses Versagen der Bildungspolitik.  

Thomas Multerer macht aus seinem Unmut kein Geheimnis. Es ist eine Abwertung der Matura und damit eine Abwertung der Gymnasien, wetterte er an der Maturafeier des Langenthaler Gymnasiums. Ihm geht es nicht  alleine um die Zulassungsbeschränkungen bei den Medizinern, Multerer kritisiert, dass die rechtlichen Möglichkeiten geschaffen wurden, um Zulassungsbeschränkungen bei allen Studienrichtungen erlassen zu können. Die Gymnasien verkommen auf diese Weise zu Anstalten für das Trainieren von Prüfungen. Die wirkliche Bildung bleibt dabei auf der Strecke. Natürlich sehe auch ich das Problem der Überbelegung der Hochschulen, räumt Multerer ein. Für ihn ist aber nicht dieser Platzmangel das Problem, sondern das Versagen der Bildungspolitik.  

Wir müssen nicht den Zugang zur Hochschule beschränken, sondern wir müssen bei der Zulassung zum Gymnasium eingreifen, sagte der Langenthaler Gymnasiums-Rektor. Mit andern Worten: Für den Zugang zum Gymnasium muss die Latte höher gelegt werden. Nur noch Schüler, die fähig sind ein Hochschulstudium zu absolvieren, sollten auch das Gymnasium besuchen können. Damit reiht sich Multerer in die Reihe jener Kritiker ein, die meinen, es sei gegenüber den jungen Leute einfach unfair, sie vier, fünf oder sechs Jahre auf eine akademische Laufbahn vorzubereiten und ihnen dann zu sagen: Du bist dafür nicht gescheit genug.  

Die Bildungspolitik gerate mit dem Numerus Clausus in eine Sackgasse, aus der es möglichst rasch einen Ausweg zu finden gebe. Es ist falsch, vor dem Platzmangel zu kapitulieren und einfach den Zugang zur Universität zu beschränken. Der Numerus Clausus ist nichts weiter als eine unzulänglich wirkende Notbremse.  

Quellenangabe:

Das Werden der modernen Schweiz, Lehrmittelverlag Basel, 1986

Encarta Enzyklopädie, Microsoft, 1999